Gastexperten-Tipp 15 von 111: Margit Hertlein – Raus aus meinem Garten oder was Konflikte mit Gartenzäunen zu tun haben!
von Siegfried Haider, 22.12.2010 (Kommentare: 0)
Da redet mich mein Kollege „blöd“ von der Seite an, „latscht“ einfach so in meinen Garten, ohne sich um meinen Gartenzaun, um meine persönlichen Grenzen zu kümmern. Und da soll man nicht in die Luft gehen? Die Ursache aller Konflikte ist die Grenzüberschreitung. Das Faszinierende ist, dass sich am Ende alle Konflikte dieser Welt durch ein einziges Bild von Konfliktursachen beschreiben lassen: Du bist in meinen Garten eingedrungen ohne den Gartenzaun zu beachten.
Im Tierreich ist dieser Garten tatsächlich als Revier gemeint. Innerhalb einer Art kann es sich beispielsweise um ein Beuterevier oder um einen Harem handeln. Durch die Grenzüberschreitung des Reviers werden die biologischen Konfliktmechanismen Angriff oder Flucht in Gang gesetzt. Bei uns Menschen sind die Gärten häufig eher mentaler Natur. Wer sich beispielsweise für einen Experten in seinem Beruf hält, wird unter Umständen einen Konflikt spüren, wenn ihm jemand diesen Expertenstatus abspricht. Ein beliebtes Beispiel sind Lehrer, denen die Eltern erklären wollen, wie man unterrichtet.
Die Ursache sind oft Kleinigkeiten
Manchmal sind die Gärten und besonders die Zäune jedoch nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Der Klassiker: die nicht zugeschraubte Zahnpastatube. Außenstehende reiben sich verwundert die Augen und fragen sich: „Das alles wegen einer offenen Zahnpastatube?“ Der tatsächlich betroffene Garten lautet jedoch: „Ich vermisse Wertschätzung für mein Ordnungsbedürfnis.“
Die Grenzüberschreitung liegt darin, dass der Gartenbesitzer ein Verhalten bei der anderen Person erwartet hat, von dem er meint, dass ihm dieses zustehen würde. Und das Schlimme daran ist, dass es „nur“ eine Kleinigkeit ist. Dahinter steckt: „Ich weiß schon, dass es eine Kleinigkeit ist, aber du tust die Kleinigkeit nicht für mich, obwohl du weißt, dass sie mir wichtig ist.“ Bestimmte Kränkungen sind gerade deshalb schlimm, weil sie auf einer Kleinigkeit beruhen.
Grenzüberschreitungen sind oft gar nicht böse gemeint. Manchmal trifft es einen wie aus heiterem Himmel, wenn man feststellt, dass man schon mitten im Garten des Anderen steht: „Da wollte ich doch wirklich nicht hin“. Und manchmal steigt man mit vollem Bewusstsein über den Gartenzaun und latscht im Blumenbeet des anderen auf den jungen Trieben herum, weil man den Streit führen will.
Konflikte gehören zum Leben
Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, so gehören Konflikte zum Leben. Wir haben alle unterschiedlich gestaltete Gärten mit den unterschiedlichsten Zäunen. Und wenn ein „Orchideenzüchter“ auf einen „Kartoffelbauern“ trifft, dann kracht es schon mal. Denn im Konflikt zeigt sich, wo etwas nicht gut läuft.
Flucht oder Angriff
Es gibt mehrere Möglichkeiten damit umzugehen. Eine davon ist die Flucht. Sie ist eine unserer ursprünglichen Konfliktlösungsstrategien. Wenn etwas gefährlich wird, dann lieber rauf auf den Apfelbaum. Auch heute noch ist Flucht die erste instinkthafte Reaktion, wobei die Flucht in moderner Form auch durch Verleugnen eines Konflikts, auf die lange Bank Schieben, Rechtfertigungen oder Ausflüchte auftritt. Oder eben der Angriff. Der Kampf um die offene Zahnpastatube, die richtige Formulierung im Angebot, die nicht aufgeräumten Ordner, und am Schluss geht es nicht mehr um die Sache, sondern nur noch darum, wer Recht hat.
Miteinander reden
Der Nachteil von Flucht und Angriff als Konfliktlösung ist, dass keine wirkliche Veränderung stattfindet. Der Konflikt schwelt weiter. Da ist es schon hilfreicher miteinander zu reden. Aber nicht irgendwie, sondern so, dass nicht zuviel Garten dabei zertrampelt wird. Und nicht erst nach Jahren auf die offene Zahnpastatube hinweisen, sondern so bald wie möglich Unstimmigkeiten klären.
Drei hilfreiche Schritte
Drei Schritte sind für ein gutes Konfliktgespräch hilfreich.
1. Schritt:
Hier wird nur die eigene Beobachtung geschildert, und eben nicht - wie so oft - unsere Bewertung mitgeteilt. „Du bist unmöglich“ ist keine Beobachtung, sondern eine Bewertung, die den anderen ganz schnell auf den nächsten Apfelbaum treibt. Es ist eine Kunst, wenn uns etwas stört, unsere Beobachtung dem anderen ohne Bewertung mitzuteilen. Aber diese Kunst ist erlernbar.
2. Schritt:
Erst im zweiten Schritt sprechen wir aus, wie wir uns fühlen, wenn wir diese Beobachtung machen. Oder wir sagen dem Gartenzaunüberschreiter, wie diese Beobachtung auf uns wirkt. Beziehungsweise wir drücken aus, was wichtig für uns ist, welche Bedürfnisse wir haben. Zum Beispiel: „Ich ärgere mich über die nicht aufgeräumten Ordner, weil ich morgens mehr Ordnung brauche, um in den Tag zu starten.“
3. Schritt:
Und erst dann wird eine klare Bitte oder je nach Beziehung zum Anderen ein Ziel formuliert: „Würdest du bitte die Ordner am Tagesende wegräumen, bevor du nach Hause gehst?“
Der humorvolle Blick bei Konflikten
Logischerweise sind alle Formen von Humor (z.B. Sarkasmus oder Ironie) abträglich, die ein miteinander reden im Konfliktfall verhindern. Denn wer auf Kosten seines Gegenübers lacht, zeigt, dass er dessen Werte nicht ernst nimmt und ihn nicht als vollwertigen Partner akzeptiert und schon wieder im Garten des Anderen herumtrampelt.
Humor ist aber auch ein starkes Heilmittel für beschädigte Gärten. Denn Humor kann neue Sichtweisen ermöglichen, wenn wir uns selbst humorvoll begegnen, uns selbst nicht ganz so wichtig nehmen und die Fähigkeit haben, über uns selbst zu lachen. Dann reagieren wir kreativ und mit einer inneren Leichtigkeit. Auf einem Merkzettel für den Schreibtisch oder die Küche könnte stehen:

Wir sind es noch nicht gewohnt Gespräche auf diese Weise zu führen, aber wenn wir – gerade bei Kleinigkeiten - immer wieder humorvoll mit uns und anderen umgehen, dann müssten wir viel seltener jemand mit Geschrei aus unserem Garten vertreiben. Ein bisschen guter Wille, ein bisschen Wertschätzung für uns und andere und ein humorvoller Blick auf Gärten und Gartenzäune - wie behaglich ließe es sich dann in unserem Garten leben.
Herzliche Gartengrüße und ein Lächeln
Margit Hertlein
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Margit Hertleinhält leidenschaftlich gerne Vorträge, schreibt Bücher und geht seit über 15 Jahren als Trainerin, Coach und Konzeptexpertin gerne ungewöhnliche Wege. Ihre Begeisterung gilt den Themen Präsentation, Kommunikation und Kreativität in allen Facetten und immer mit viel Humor und Kundenorientierung. Margit Hertlein studierte Ethnologie und BWL und gründete nach dem Studium einen Zubehörversandhandel für VW-Busse. Nach diesen ersten unternehmerischen Erfahrungen übernahm sie für ein Jahrzehnt die Geschäftsführung in einem VW Autohaus. Danach gab es einen schöpferischen, musikalischen Wechsel mit verschiedenen Bandprojekten. Bei einem Bildungsträger schnupperte sie Seminarluft, stellte fest „das ist es“ und machte sich noch einmal selbständig. Margit Hertlein ist Mentorin und Mitglied in der Professional Expert Group „Coaching“ der German Speakers Association (GSA e.V.), der Vereinigung deutschsprachiger Referenten.
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